Zwischenbetrachtungen zur Fotografie (Nr. 1)

#apparat #blackbox #programm

Ein oder mehrere Hashtags, Fotos und kurze Texte, das ist das Programm der folgenden „Zwischenbetrachtungen“. Absicht der lockeren Reihe nummerierter Beiträge ist es, den Denkraum zu erkunden, der sich zwischen Renger-Patzschs (R-P) „Ruhrgebietslandschaften“ und den Aktionen in den „Sozialen Medien“ öffnet, die deren Ausstellung in der Pinakothek der Moderne begleiten. Gemeint sind die Aktionen #StadtLandBild, sowie der geplante „Instawalk“ #StadtLandMuc.

#apparat

Treten wir aber zunächst einen Schritt zurück, so wie ein Fotograf vielleicht vor dem Gegenstand zurücktritt, um die richtige Distanz zu gewinnen, die es ihm erlauben wird, ihn ins Bild zu setzen.
Was geschieht, wenn wir fotografieren? Zunächst sieht es so aus, als bedienten wir uns eines technischen Apparates um ein Bild von einem Objekt herzustellen, das wir Foto nennen. Wir erkennen darin eine symbolische Operation. Mit Hilfe des Apparates wird die Bedeutung eines Gegenstandes manipuliert: Das galt schon damals, als sich die Filmplatte – wie durch Magie – in ein Bild verwandelte.

#blackbox

Im Zeitalter des Internet ist es nicht mehr von der Hand zu weisen, dass Apparate die Arbeit verwandelt, wenn nicht durch etwas ganz anderes ersetzt haben: Umgang mit Apparaten ist nicht klassische Arbeit sondern eine beinahe spielerische Manipulation von Symbolen.
Die Details der Manipulation bleiben dabei den Apparaten überlassen, uns genügt es, den input und den output der Apparate zu manipulieren und zu kontrollieren. Das ist das Prinzip des Apparates als black box. Es setzt eine Dynamik in Gang, durch die sich die Verhältnisse schließlich umkehren: Nicht mehr der Mensch beherrscht sein Werkzeug, sondern die Apparate beherrschen ihre Benutzer.

#programm

Als Gefahr war sich dessen auch Albert Renger-Patzsch bewusst. Er ergriff den Beruf des Fotografen, als diese Art von Erwerbstätigkeit noch durchaus exotisch war. In einer Gesellschaft, die seinerzeit mehr und mehr von Agrar- auf Industrieproduktion umstellte, war Arbeit durchaus noch nicht überwiegend vom manipulativen Spiel mit Symbolen ersetzt, wie es unsere heutige Informationsgesellschaft kennzeichnet. Renger-Patzsch, begriff die Fotografie noch in erster Linie als Handwerk. Er beherrschte dieses Handwerk wie kaum ein Zweiter und konnte daher überzeugt sein, aufgrund seines tiefen Verständnisses und seiner reichen Erfahrung die Souveränität gegenüber dem Programm der Fotografie zu bewahren. Schlechte Fotos waren für ihn solche, bei welchen sich der (Amateur-) Fotograf von den Möglichkeiten seines Apparates davontragen und beherrschen ließ, wo also das Programm über die Freiheit siegte.

#vilemflusser

Der brasilianische Philosoph Vilém Flusser, von dessen Überlegungen wir uns hier insgeheim leiten lassen, ist gegenüber der Möglichkeit, dem Programm des Apparates zu entkommen, sehr skeptisch. Flussers 1983 erstmals veröffentlichter Essay „Für eine Philosophie der Fotografie“ fasst den Begriff des Programms so: „Der Fotograf kann alles aufnehmen: ein Gesicht, eine Laus, die Spur eines Atompartikels in der Wilsonkammer, einen Spiralnebel, seine eigene Fotogeste im Spiegel. Doch in Wirklichkeit kann er eben nur Fotografierbares aufnehmen, das heißt: alles was im Programm steht.“ (A.a.O. 11Berlin 2011: European Photography, S. 33)

So sei der Fotograf zwar frei in der Wahl seines Gegenstandes und auch frei darin, eigene Kategorien oder eigene Programme zu erfinden, die sein fotografisches Tun leiten, doch selbst diese Freiheit sei immer noch vom Programm des Apparates bestimmt. Ja, das Programm der Fotografie unterwerfe sich die Freiheit der Apparatebenutzer selbst und beute sie aus, weil es diese zu dem Versuch auffordere, ihr Programm zu erschöpfen und sie darauf programmierte, immer neue Fotos zu kreieren. Immerhin gesteht auch Flusser zu, dass es „gute“ Fotografien gebe, bei welchen ganz im Sinne Renger-Patzschs, „der menschliche Geist über das Programm siegt“ (ebd. S. 43).
Für Flusser ist der Fotoapparat eine paradigmatische black box. Das Nachdenken über die Fotografie kann daher auch grundlegende Einsichten über das Verhältnis von Freiheit und Programm in der nachindustriellen Gesellschaft ans Licht bringen, sieht sich diese doch einem unaufhaltsam wachsenden Einfluss informationsverarbeitender Apparate gegenüber: „Die Philosophie der Fotografie hat aufzudecken, daß die menschliche Freiheit im Bereich der automatischen, programmierten und programmierenden Apparate keinen Platz hat, um schließlich aufzuzeigen, wie es dennoch möglich ist, für die Freiheit einen Raum zu öffnen.“ (Ebd. S. 74)
Nach diesem Überflug wird sich die nächste Zwischenbetrachtung konkret den Ruhrgebietslandschaften zuwenden.

von Alois Wieshuber

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