Das Selbstportrait im Zwischenraum.

 

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Albert Renger-Patszch. Self-Portrait. Reproduced in “Eine neue Künstler-Gilde: Der Fotograf erobert Neuland”. UHU 6, no. 1 (October 1929). Courtesy Ann und Jürgen Wilde. © 2014 / Artists Rights Society (ARS), New York / VG Bild-Kunst, German

Ein Photograph auf der Reise
Ein Großteil der Photographien von Albert Renger-Patzsch, die in der Ausstellung „Ruhrgebietslandschaften“ in der Pinakothek der Moderne gezeigt werden, sind auf Reisen im geographischen Raum um Essen, Mühlheim oder Duisburg entstanden. Der junge Fotopionier war offenbar auch mit dem Auto unterwegs und nutze manchen Blick auf die Umgebung für eine Aufnahme. Auf einer dieser Reisen hat er wohl auch das oben gezeigte Selbstportrait angefertigt, das mit dem populären Sujet des #Selfies (in einer Spiegelfläche) spielt und geradezu idealtypisch in die digitale Gegenwart zu passen scheint.

Das Menschenbild im Zwischenraum
Früher analog, heute digital. Es scheint nur eine Änderung im Transportkanal zu sein, der das Selbstportrait von Renger-Patzsch im blankpolierten Metall eines Autoscheinwerfers von den Rückspiegelselfies heutiger Instagramer unterscheidet. Der spontane Blick auf das Selbst in einer spiegelnden Fläche, der stille Moment zwischen Realität und Artefakt. Als „Stereotyp einer reflexiven Moderne“ produzieren es Menschen zuhause, Menschen im Museum, Menschen im Atelier, Menschen im Auto, Menschen zuhauf.

Der Zauber des Spiegels
Das Phänomen des Widerscheins, die Eigenschaft glatter, glänzender, nicht durchsichtiger Flächen, auftreffende Lichtstrahlen zu reflektieren und so von den Dingen, die sie aussenden, ein (gegensinniges) Abbild zu geben, dies Phänomen (…) hat dem Menschengeschlchte wesentlichste Antriebe gegeben“ schreibt Gustav Hartlaub 1950 in seinem Buch über den „Zauber des Spiegels – Geschichte und Bedeutung des Spiegels in der Kunst“. Das Motiv des Spiegels reicht tief in die Kunstgeschichte hinab und stellt Renger-Patzsch ja sogar in die Tradition von van Eyck oder Velazquez. Spannend erscheint dabei die Konstruktion, dass es gerade der Spiegel ist, der die Trennung von Bild- und Betrachterraum aufhebt und ein zusammenhängendes Ganzes schafft. Der Zwischenraum als Brücke von Kunstwerk zur Realität.

Das Ego in der Fläche
Renger-Patzsch begegnet seinem Ego in der Fläche. Er sucht eine durchkomponierte Situation zwischen dem PKW und einem Baum, im Spannungsfeld zwischen Technik und Natur, zwischen Fläche und Linie, zwischen kontrollierter Form und organischem Wachstum. Der Fotograf positioniert sein Stativ, die klobige Kamera und schiebt den eigenen Blick in den Moment der Aufnahme. Dazu wählt er einen schwer fassbaren Standort neben dem Fahrzeug, seitlich, in der Line des Autos, aber doch in einer 90 Grad-Spiegelung seitlich daneben. Wo steht er denn nun? Seine Reproduktionsfläche ist ein blank polierter Scheinwerfer, kein echter Spiegel. Als Urheber des Fotos macht er sich zwar sichtbar, bleibt aber unscharf, diffus und geheimnisvoll, verschließt sich der genauen Betrachtung, zieht sich in ein Meta zurück. Ich bin dort und doch woanders.

Der neue Mensch und der neue Fotograf
1929 treiben Fotopioniere wie Renger-Patzsch eine kreative Experimentierlust zu neuen Wegen, zu neuem Denken und Sehen. Der fotografische Apparat, sagt der Zeitgenosse László Moholy-Nagy, Lehrer am Bauhaus und Vordenker einer radikalen Ästhetik, sei „das verlässlichste Mittel zu Anfängen eines objektiven Sehens“.  Die technische Möglichkeit der objektiven Darstellung schaffe aber wieder die Grundlage für eine subjektive Stellungnahme des Betrachters. Im „Foto-Auge“ offenbare sich ein „neuer Typus des Fotografen„. Man will der Welt auf den Grund kommen, deren Geheimnisse aber nicht verraten, die hinter der Oberfläche schimmernden Hinweise auf Verborgenes nur markieren.

Was bleibt?
Was bleibt von diesen Positionen im Blick auf die digitale Gegenwart? Der künstlerische Anspruch scheint in der Masse den Filtern bei Photoshop und Instagram geopfert, die durchdachte Komposition von einer launischen Momentaufnahme und der ubiquitären Technologie dominiert. Auf den ersten Blick sind die modernen Selfies bereits im Ansatz flüchtiger, beliebig, aus der Sekunde geboren, eine vage Entdeckung und eitle Gelegenheit. Die in den sozialen Medien transportierte Welt kennt keine, oder nur wenige, Geheimnisse. In der Masse ist das Resultat laut und grell. „Fotografieren ist inzwischen zu einer Selbstverständlichkeit geworden wie essen und atmen“ schreibt die Monopol-Bloggerin Anika Meier. So wenig Andy Warhol als Vordenker von Socialmedia zu taugen scheint, so wenig wäre also auch Renger-Patzsch mit den Selfies der Gegenwart zu verbinden.
Die gute Nachricht: es wäre viel zu wenig, wollte man nur von „Ausnahmen“ sprechen. Auch in der Masse gedeiht die Qualität. Auch und gerade auf Plattformen wie Instagram lassen sich heute künstlerische Positionen und Projekte definieren, die ästhetische Diskurse führen, die Nebenwege suchen, die das Geheimnis zelebrieren und im Zwischenraum gedeihen. Einen Einstieg in dieses weite Feld findet man etwa in den Beiträgen zur Blogparade „Ich bin hier“ in der Kunsthalle Karlsruhe (2015) oder den Diskussionen um die Ausstellungen „Ego Update“ im NRW-Forum Düsseldorf (2015). Auch die Aktion #stadtlandbild ist, wie schon frühere Community-basierte Socialmedia-Projekte der Pinakotheken: #myRembrandt oder #plantsforblossfeldt diesem Phänomen auf der Spur.

von Christian Gries

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