Zwischenbetrachtungen zur Fotografie (Nr. 2)

#zwischenräume #zwischenzeiten #zwischenkunst

Die Aktionen #StadtLandBild und die Instawalks in München, Wesseling, Leverkusen und Duisburg erweitern die Ausstellung der „Ruhrgebietslandschaften“ des Fotografen Albert Renger-Patzsch (R-P) sowohl räumlich als auch zeitlich. Räumlich, weil durch den Hashtag #StadtLandBild plötzlich Fotos urbaner, suburbaner und ruraler Gebiete in ganz Deutschland und darüber hinaus mit dem Fotoprojekt R-Ps verknüpft werden.
Zeitlich, weil sie dem Ausgangsprojekt, das die entstehende Industrielandschaft im Ruhrgebiet während der zwanziger und dreißiger Jahre dokumentierte, aktuelle Fotos einer transnational zu beobachtenden Transformation von industriellen zu postindustriellen Landschaften hinzufügen.

Auch im Hinblick auf das Medium verlängern diese Aktionen das Fotoprojekt R-Ps in den digitalen Raum hinein. Denn, obwohl es sich auf den ersten Blick jedesmal um ein foto­grafisches Medium handelt, haben wir es doch in gewisser Weise mit der „Über­setzung“ von einem Medium in ein anderes zu tun: nämlich von der analogen Fotografie in die Welt der digitalen Netzwerke. Diese sind es, die heute die mediale Form bestimmen. Zum Inhalt haben sie ein weiteres Medium, in diesem Fall die Fotografie.1
In den digitalen Netzwerken flottierende Fotos sind außerdem merkwürdig dekontextualisiert. Dafür erscheinen sie hier oft in einer neuartigen Verbindung mit Texten. Es handelt sich dabei nicht länger nur um Titel oder Bildunterschriften: likes, tags, Metadaten, Kommentare, ja ganze Unterhaltungen verknüpfen die Fotos untereinander sowie mit anderen digitalen Inhalten. Dadurch werden sie auf ganz neue Weise lesbar – auch für weitere Apparate.2

#zwischenraum

Folgen wir also der impliziten Einladung zur theoretischen und angewandten Medienreflexion und begeben uns direkt hinein in den Zwischenraum der Fotografie. Aber halt! Was für ein Raum und was für ein Zwischen sind denn jetzt überhaupt gemeint? Sobald wir darauf achten, sehen wir leicht den Zwischenraum vor Zwischenräumen nicht mehr: Bewegt sich nicht Fotografie als solche im Zwischenraum von alltäglicher Praxis und hoher Kunst? Stehen Fotografien als technische Bilder nicht im Zwischenraum von Text und Bild, von Wirklichkeit und Symbol? Gibt es Fotos, die auf allen Ober­flächen unserer Konsumkultur wuchern und solche, die sich nur in Zwischenräumen des Dysfunktionalen verstecken? Und: Sind medial vermittelte Medien nicht Zwischen­räume in Zwischenräumen?

#zwischenzeit

Müssen wir andererseits nicht auch von einer Zwischenzeit des Fotografierens sprechen? Weil Fotos oft zwischendurch und quasi nebenbei entstehen?
So fotografierten Fotoamateure früher vorzugsweise im Urlaub. Die digital natives und die digital immigrants von heute fotografieren beinahe ständig aber dennoch stets in einem Dazwischen. Auch einige #StadtLandBild-Fotos verdanken sich einer Zwischenzeit, sie tragen zusätzliche Hashtags wie: #travel, #unterwegs, #aufdemwegzurarbeit oder #aufdemwegnachhause. Aber auch die Fotografien von Profis entstehen in Zwischenzeiten. Einige Fotos der „Ruhrgebietslandschaften“ nahm R-P wohl #aufdemwegzurarbeit oder aber #aufdemwegnachhause, von einem seiner Industrieauftäge kommend, auf.
Selbst technisch gesehen formt sich ein Foto (ob digital oder analog) sowohl in einem Zwischenraum wie auch in einer Zwischenzeit. Denn, erstens, schiebt sich der Raum der black box, in welchem das Foto entsteht zwischen das Objekt und das Subjekt der Fotografie. Ebenso wird, zweitens, das Foto in der Zwischenzeit des Sekundenbruchteils belichtet, während dessen der Fotograf sein Motiv nicht sieht, weil der magische Prozess der Umwandlung einer unbedeutenden Materie in ein bedeutsames Bild sich zwischen sein unmittelbares Sehen und die Betrachtung des Objektes auf dem Foto (das endlich auf dem Display oder noch einige Zeit später auf dem Fotopapier erscheint) schiebt.

Fotografische Erkundungen der Zwischenräume und Zwischenzeiten

Schließlich handelt es sich auch bei den bevorzugten Sujets der Fotografie oft um Zwischenräume – als würde ihr eigenes Zwitterwesen sie zu solchen Erkundungen prädestinieren. Sowohl Fotos der Serie „Ruhrgebietslandschaften“, wie von #StadtLandBild schöpfen ihre Bedeutung zum Teil aus dem Zwischenraum, wenn sie etwa die Unbestimmtheiten eines Zwischenzustandes einfangen, den Raum zwischen Altem und Neuem erkunden, uns auf paradoxe Weise das Wesen des Werdens vor Augen stellen und zu einem Bild verdichten.

#zwischenkunst

Der Soziologe Pierre Bourdieu schrieb über die Fotografie als „Un art moyen“.3 Statt „Eine illegitime Kunst“ hätte man das vielleicht auch als „Eine Zwischenkunst“ ins Deutsche übertragen können. Bourdieu spielte mit diesem Titel darauf an, dass es die Fotografie praktisch jedem erlaubt, ein Bild zu „machen“ (oder aber zu „nehmen“ bzw. zu „fangen“ wie es in anderen Sprachen sinngemäß heißt). Auf dieser Weise demokratisiert sie einen Vorgang, der traditionell eine Domäne von Spezialisten war: Die Herstellung, Veränderung und Verbreitung bedeutsamer Symbole.
Die Fotografie ist in dieser Hinsicht der Vorreiter all jener personal devices, die heute als Eintrittskarte in die Informationsgesell­schaft und in den Raum des Digitalen beinahe unverzichtbar geworden sind.

Wer hier eingetreten ist, könnte sich, beim Betrachten einer Fotografie etwa, darüber wundern, wie die Fotografie von der Welt digitaler Netzwerke aufgesogen wurde und wie sich hier gewohnte Unterscheidungen, wie die zwischen Arbeiter und Künstler (im Kreativen), zwischen Produzent und Konsument (im social media user), zwischen Fotograf und Fotografiertem (im Selfie) verflüssigen und in einen schwellenlosen Zwischenraum der Zwischenräume auflösen.

von Alois Wieshuber

[1] #fotostattfussnote 😉
[2] Vgl. Rubinstein, Daniel und Katrina Sluis: „A LIFE MORE PHOTOGRAPHIC“, in: Photographies 1/1 (2008), S. 9–28, – S. 20 ff., URL: http://dx.doi.org/10.1080/17540760701785842
[1] Pierre Bourdieu: Un art moyen. Essai sur les usages sociaux de la photographie, Paris 1965

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