Zwischenbetrachtungen zur Fotografie (Nr. 4)

#karte und #gebiet

Von der Landschaft zur Karte

Das Aufeinandertreffen der Begriffe „Landschaft“ und „Gebiet“ im Titel „Ruhrgebietslandschaften“ (das schon die Zwischenbetrach­tung Nr. 3 anregte) erinnerte mich an Michel Houellebecqs Roman „Karte und Gebiet“ 1. Dieser ist Anlass für folgende Abschweifung zum Thema. Der Roman handelt von einem Künstler, der seine Karriere mit der Fotografie industrieller Objekte beginnt. Sein Projekt: eine Enzyklopädie industriell hergestellter Dinge. Dieses Projektes plötzlich überdrüssig, bricht er es ab um kurz später ein neues zu beginnen. Dabei fokussiert er sich nun ganz auf ein einziges industriellen Massenprodukt. Er fotografiert nämlich fortan ausschließlich Straßenkarten der Marke Michelin. Die nimmt er in extremer Nahsicht und aus einer schrägen Perspektive auf. Mit einer groß angelegten Serie solcher Detailaufnahmen feiert er seinen ersten großen Erfolg als Künstler.

Vom Studio ins Freie und zurück

Die Idee des Romanhelden Houellebecqs ist tatsächlich faszinie­rend: Jed, so sein Name, markiert mit ihr einen neuen Wendepunkt in der Geschichte des Genres. Wenn die Landschafts­darstellung einen ersten markanten Wendepunkt erreichte, als Maler erstmals das Atelier verließen, um Landschaft zu malen wie und wo sie zu sehen ist, nämlich en plein air, so kehrt Jeds Kartenfotografie diese Bewegung um. Statt Landschaft in natura, zu malen, fotografiert er sie, wie sie auf kommerziellen Straßen- und Freizeitkarten erscheint: in abstrakte Flächen, Linien und Figuren überführt und mechanisch reproduziert. Der neue Wendepunkt besteht also darin, dass Landschaft nun wieder im Studio und durch eine zweifache Vermittlung des technischen Bildes entsteht.

Die Karte ist das vollständig ins Symbolische übertragene Gebiet

Während die Freilichtmalerei in ihrem, durch Subjektivität und Unmittelbarkeit geprägtem Medium ein „Stück Natur“ wiederzu­geben versuchte, ist die fiktive Landschaftsfotografie Jeds der Versuch, sich der Landschaft in einem objektiven Medium auf dem Weg indirekter und symbolischer Vermittlung zu nähern. Diese Methode ist der postindustiellen Landschaft des 21. Jahrhunderts wohl ebenso angemessen, wie die Freilichtmalerei der präindustri­ellen ruralen Landschaft oder Renger-Patzschs sachliche Fotografie der industriellen Landschaft. Während in letzterer eine naturhafte Qualität als von der Industrie selbst hervorgebracht aufscheint, kennt die postindustielle Landschaft keine Natur mehr, die jenseits des symbolischen Zugriffs des Menschen läge. Sie reflektiert, dass Landschaft, die nun wohl tatsächlich auch bis in ihre letzten Winkel dem Einfluß des Menschen ausgesetzt, niemals unabhängig von ihm zu denken ist. Sie ist vollständig kartografiert, vollständig ins Symbolische überführtes Gebiet.
Die Karte mit ihren distinkten Figuren, Signets und Beschriftungen steht uns hier für die Ebene der Bedeutung, für das Symbolische. Den distinkten Markierungen zugrunde liegend denken wir uns das Gebiet, das wir uns in dieser Beziehung als völlig unbestimmt vorstellen. Im Zwischenraum zwischen beiden wäre dann die Landschaft anzusiedeln. Landschaft basierte demnach darauf, dass die beiden durch Karte und Gebiet repräsentierten Pole miteinander verbunden werden. In der klassischen Landschafts­darstellung vertreten Bereiche unberührter, wilder Natur (meist im Vordergrund) den einen, Bereiche kultivierter und vom Menschen durch Wege, Zäune oder Bauten in Besitz genommener Natur, den anderen Pol.

Eine zweite Natur

Auch in der modernen Landschaftsdarstellung Renger-Patzschs ist der Pol der Karte augenfällig: Immer wieder stoßen wir auf Markierungen in Form von Zäunen, Begrenzungspfosten, Gaslaternen, etc. Diese vertikalen parallelen Linien unterteilen und rhytmisieren die Bildfläche. Auch die Schlote von Industrieanlagen können wie ins Gigantische vergrößerte Grenzpflöcke erscheinen. Was aber repräsentiert auf den Fotos der Ruhrgebietslandschaften den entgegengesetzten Pol des unmarkierten Gebiets? Unberührte Natur suchen wir hier jedenfalls vergeblich. Ich denke daher, es sind die Brachen, Schotterflächen und Halden, die ungenutzten Zwischenräume und in einigen Fällen vielleicht die gigantischen Industrianlagen selbst, die auf diesen Fotografien den Pol des Unbestimmten, Chaotischen, Zugrundeliegenden übernehmen, den in der klassischen Darstellung die ursprüngliche Natur einnahm. Bei Renger-Patzsch erscheint die Industrie als eine wiedergekehrte, zweite Natur.

von Alois Wieshuber

1 Köln 2011, Original: La carte et le territoire, Paris 2010.

2 comments

  1. Hallo Alois,

    eine tolle Abschweifung. An Houellebecq habe ich mich noch nicht herangewagt, aber es klingt spannend, was du da gelesen hast. Landschaft ist ein wirklich weitreichendes Thema. In einem anderen Zusammenhang las ich unlängst, dass Landschaft nur ein Konstrukt unseres Denkens ist. Und gerade die Kunst hat ja auch die Vorstellung von Landschaft erst geprägt. Die Karte ist noch einmal eine ganz neue Dimension der Aneignung, die auch wieder neue Wahrnehmungsformen anregt.

    Ich mag euer Projektblog hier sehr. Schön, wenn man auch mal links und rechts des Weges denken kann.

    Herzlichst
    Anke

    • Alois Wieshuber sagt:

      Hallo Anke,
      danke für Deinen Kommentar! Houellebecq möchte ich Dir auf jeden Fall sehr ans Herz legen. Ihn zu lesen ist ein großes Vergnügen und überhaupt nich kompliziert. Die Geschichten haben es dann allerdings in sich. „Karte und Gebiet“ ist für mich eines seiner schönsten Bücher. (Beim Wiederlesen ist mir übrigens auch aufgefallen, dass hier bereits das Thema „Unterwerfung“ angespielt wird, dem sein aktuell letzter Roman gewidmet ist.)
      Dass Landschaft nicht einfach da ist, sondern konstruiert wird, ist ein Punkt, der mir sehr wichtig ist. Uns ist das meist so selbstverständlich, dass wir überhaupt keine Schwierigkeit haben, beispielsweise auch die Aufnahme eines bloßen Felsens, wie sie etwa in Renger-Patzschs Serie „Gestein“ (aus dem Spätwerk) zu sehen ist, als Landschaft zu betrachten. Ursprünglich aber, denke ich, beruht die Konstruktion der Landschaft auf einer Differenz Natur/Kultur. Darum finde ich es interessant, wie sich das bei Bildern verhält, die scheinbar reine Natur oder reine Kultur zeigen (wie z.B. die Ruhrgebietslandschaften).
      Mir ist klar, dass meine Zwischenbetrachtungen recht gewagt und experimentell sind. Deshalb freue ich mich sehr über Kommentare, Anmerkungen und auch auf Widerspruch. Deine Rückmeldung ermuntert mich nun fast, die Serie noch etwas fortzusetzen, denn vor dieser Abschweifung hatte ich eigentlich geplant die Räume von #stadtlandbild mit jenen Kafkas zu vergleichen….

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